Das Doktoratsprogramm stellt eine der drei Hauptaktivitäten des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik dar. In ihm werden Nachwuchsforschende ausgebildet und zu international beachteten Leistungen befähigt. Im Rahmen des Förderprogramms zur Verbesserung der Doktorandenausbildung Pro*Doc hat der Schweizerische Nationalfonds dafür eine Million Franken gesprochen.
Das Pro*Doc «Interferenzen von Religion mit Politik und Wirtschaft im Spiegel ihrer Konstruktionsgeschichten» umfasst bislang ein Ausbildungsmodul sowie drei Forschungsmodule: eines über «Politische und / als religiöse Gemeinschaften» (Leitung: Prof. Jürgen Mohn, Basel), eines über «Individuelle religiöse Identität und soziale Integration» (Leitung: Prof. Georg Pfleiderer, Basel), das dritte zur gesellschaftlichen Eingliederung religiöser Migrantengruppen (Leitung: Prof. Martin Baumann, Luzern). Weitere Forschungsmodule befinden sich in Planung. Am 11./12. Oktober 2010 veranstalten die Doktorierenden des Pro*Doc eine eigene Tagung zum Thema «Konstruktionsgeschichten».
Dass Religion nach wie vor eine bedeutsame gesellschaftliche Grösse darstellt lässt sich mit einem Blick in die Tagespresse nicht verleugnen. Ihr öffentlichkeitswirksamer Einfluss zeigt sich in Debatten über konfessionell gebundenen Religionsunterricht, in durch religiöse Positionen definierten Kulturkonflikten oder im wachsenden Markt alternativer Heilsangebote. Im Kontrast dazu weist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Religion weiterhin erhebliche Lücken auf, zentrale Fragen in der Beschäftigung mit dem Phänomen Religion in der Moderne sind nach wie vor unerledigt. Dies zeigt sich sowohl in methodologischer wie auch in inhaltlicher Hinsicht. Eine Deutungshoheit zum Phänomen Religion wird an den Universitäten von verschiedenen Disziplinen und Ansätzen beansprucht. Inwiefern «Religion» und nicht etwa unterlegte politische, psychologische oder soziale Faktoren angesichts der tagesaktuellen Problemstellungen den eigentlichen Gegenstand der Forschungen bilden, ist entsprechend umstritten.
Das Pro*Doc-Programm des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) setzt hier an und widmet sich den «Interferenzen von Religion mit Politik und Wirtschaft im Spiegel ihrer Konstruktionsgeschichte.» Religion, Wirtschaft und Politik werden dabei, auch in ihren Wechselwirkungen, nicht als feststehende sondern als jeweils auszuhandelnde Bereiche begriffen. Die Rede von der Konstruktionsgeschichte bringt das Zusammenspiel der Konstruktion durch Geschichten, über welche die Bereiche konkretisiert werden, und der Konstruktion von Geschichten, über die sie verhandelt werden, in den Blick. Dabei werden verschiedene Disziplinen und Perspektiven miteinander ins Gespräch gebracht: politikwissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungen werden ebenso berücksichtigt, wie theologische und religionswissenschaftliche Analysen und Positionen.
Politische und / als religiöse Gemeinschaften. Konstruktionsgeschichten in transnational-historischer Perspektive
Forschungsmodul 1 richtet den Blick auf die unterschiedlichen Bestimmungen der Wechselwirkungen von Religion und Politik im 19. und 20. Jahrhundert in verschiedenen Nationalkulturen. Es gilt die konstruktiven Züge des jeweiligen Verständnisses von Religion und Politik über einen transnationalen Vergleich dieser Bestimmungen historisch zu rekonstruieren und in den aktuellen Diskurs hinein zu verfolgen. Die Studie stellt den Laizismusdiskurs am Beispiel der französischen Situation im Kontrast zur Deutschen Demokratischen Republik in den Mittelpunkt. Insbesondere die öffentlichen Repräsentationsformen der Diskurse werden hier in religionsaisthetischer Perspektive analysiert.
Im Rahmen des Forschungsmoduls 2 wird die Interdependenz von Individualität und gesellschaftlicher Partizipation fokussiert. Dabei kommen mit zwei theologischen Forschungsarbeiten genuin religiöse Aspekte dieser Verhältnisbestimmung in den Blick. Diese aber sind, so zeigen beide Projekte, bereits von ihrer Konzeption her auf die Überschreitung des religiösen Bereichs angelegt. Nämliche Tendenz zur Transzendenz bestimmt bereits die Konstitutionsebene von Individualität, wie sie in protestantisch-theologischen Ethiken der Moderne behandelt wird, insofern Individualität nur unter Hinblick auf ein Allgemeines (Gesellschaft, Gott) gedacht werden kann. Aber auch die Verbindung mit dem Begriff der Verantwortung zeigt diese Tendenz, diesmal besonders hinsichtlich ihres zeitlichen Aspekts. Verdeutlicht werden genannte Grundlinien im ersten Foschungsprojekt anhand der Positionen von Friedrich Schleiermacher, Karl Barth und Trutz Rendtorff.
Dass die Überschreitung des religiösen Bereichs im Protestantismus der Moderne auch an dem Ort konzeptionell (und zugleich subkutan) präsent ist, der eigentlich auf die Bildung und den Bestand von Gemeinschaften zielt, nämlich: der Ekklesiologie, zeigt das zweite Forschungsprojekt dieses Moduls. Untersucht werden die Zusammenhänge von Kirchenlehre, Gesellschaftstheorie und Politik, die im modernen Protestantismus, im Unterschied zu römisch-katholischen Positionen, eine besondere Prägekraft entfalten konnten. Dabei liegt besonderes Augenmerk auf wissenschaftlich-theologischen Entwürfen des 20. Jhs. aus der Schweiz und Deutschland. Diese lassen in besonderer Intensität genannte Verflechtungen erkennen. Bearbeitet werden vor allem die Positionen von Karl Barth, Fritz Buri, Dietrich Bonhoeffer und Paul Althaus.
Public Domain und gesellschaftliche Inkorporation religiöser Minderheiten: Modellbildungen und Entwicklungstendenzen
Gegenstand des Forschungsmoduls 3 ist die Frage, wie religiöse Minderheiten in den öffentlichen Raum hinaustreten. Ziel der Forschungen ist es, durch einen Ländervergleich typische Strukturen herauszuarbeiten, die beschreiben wie die Minderheitsreligionen öffentlich sichtbar werden. Damit sollen jene Prozesse aufgezeigt werden, über welche die Teilhabe an der Öffentlichkeit gewährt oder verweigert wird.
Inwiefern sind typische Entwicklungsverläufe ablesbar, so wie sie aufgrund der Analyse von älteren Einwanderungsländern für jüngere Zuwanderungsländer zu erwarten sind? Dies wird exemplarisch an Grossbritannien und der Schweiz gezeigt. Eine Studie wendet sich vergleichend der neuen Sichtbarkeit muslimischer Präsenz zu, wie sie in Gestalt von Moscheen und Minaretten hervortritt. Die zweite Studie untersucht in historischer Perspektive die Prozesse, wie jüdische Minderheiten in den genannten Ländern gesellschaftlich eingegliedert werden. Die Kombination von Länder- und Religionsvergleichen über einen längeren Zeitraum dürfte vorhandene Integrations- und Teilhabemodelle schärfen und viel zum Verstehen aktueller gesellschaftlicher Debatten beitragen.
Weitere Forschungsmodule befinden sich in der Planung.
Pro*Doc-Förderprogramme zeichnen sich dadurch aus, dass sie neben einzelnen thematischen Forschungsmodulen über ein zentrales Ausbildungsmodul verfügen. Dieses Ausbildungsmodul ergänzt und begleitet die eigenständige Forschung kontinuierlich durch ein kompetenzorientiertes Ausbildungsprogramm (im Umfang von 30 ECTS), ein Doktorierendennetzwerk sowie ein individuelles Mentorat. Die Vereinzelung der bisherigen Doktoratsbetreuung aufbrechend, kombiniert das Ausbildungsprogramm des Pro*Doc «Interferenzen» damit hochrangige wissenschaftliche Betreuung und intensiven fachlichen Austausch mit der Möglichkeit frühzeitiger Vernetzung und dem Erwerben derjenigen soft skills, die für eine erfolgreiche Karriere notwendig sind.
Das Ausbildungsprogramm
Eine erste Säule der Ausbildung ist das Lehrprogramm. Es vermittelt fachspezifische Schlüsselqualifikationen und berufsqualifizierende Kompetenzen, etwa Präsentationstechniken, wissenschaftliches Schreiben und hochschuldidaktische Zugänge. Eine zweite Säule bildet das «Forschungskolloquium Religion». Es behandelt aktuelle Themen und Fragestellungen des Forschungsfeldes aus interdisziplinärer Perspektive. Hier sind die Forschungswoche und die Meisterkurse angeschlossen. Diese Sonderveranstaltungen bieten die Möglichkeit zur Vertiefung der Themen unter Beteiligung der Fellows des ZRWP sowie auswärtiger Experten.
Das Netzwerk
Die Doktorierenden des Pro*Doc haben die Möglichkeit in monatlichen Arbeitssitzungen sowie halbjährlichen Doktorandentagungen ihre Dissertationsprojekte vorzustellen und sich mit anderen Doktorierenden auszutauschen. Zudem wird Unterstützung bei Publikationen und der Vorbereitung von Papers geboten.
Das Mentorat
Für jeden Doktorierenden ist ein Mentoratsgremium zuständig. Dieses setzt sich aus dem Betreuer der Arbeit und einem Berater zusammen und kann um einen Mentor aus einer auswärtigen Einrichtung ergänzt werden. Als Ausgleich zur notwendigen Spezialisierung soll dies folgendes gewährleisten: eine gemeinsame Forschungskultur und übergreifende Betreuung in fachlicher, sozialer und laufbahnbezogener Art.
Kontakt
Weitere Informationen bei: Dr. Dirk Johannsen
| ZENTRUM FÜR RELIGION, WIRTSCHAFT und POLITIK |